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Copyright by Manfred Stühler

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Wurm im Kopf

 

Kurzbeschreibung

Ein Gymnasiast hat es wahrlich nicht leicht! Er muss viele Jahre die Schulbank drücken, lernen, Prüfungen schreiben. Vor allem: Durch das viele Büffeln bleibt kaum Zeit, die Freizeit zu genießen. Kevin aus der elften Klasse hat nichts übrig für die Lernerei, dagegen liebt er Computer und Viedeospiele. Das bringt ihn auf eine unglaubliche Idee: Was wäre, wenn man sich die Lerninhalte einfach so ins Gehirn hochladen könnte, ohne dass man dafür stundenlang über den Büchern zu hocken bräuchte? Das wäre genial!

Kevin schreitet kurzerhand zur Tat, aber leider gibt es – wie bei jeder Geschichte, die verblüffend einfach scheint – einen fiesen Haken!

 

 

 

 

Leseprobe

 

Gerade in dem Moment als Harry das Skalpell ansetzte, um seinem besten Freund den Hinterkopf aufzuschneiden, überkam ihn eine nie gekannte Übelkeit. Dabei durfte ihm das hier doch aber gar nichts ausmachen, schließlich arbeitete er bereits im zweiten Lehrjahr als Azubi in einer Metzgerei, wo er täglich Schweine, Rinder und allerlei anderes Getier zerlegte. Meist waren die schon tot, manchmal aber kam Harald  Meierhofer auch in den Genuss, das Schlachtvieh selbst abzumurksen und dann ganz alleine zu Schnitzel, Keulen und Rippchen verarbeiten zu dürfen. Erst am Vorabend hatte er fünf Puten den Hals durchgeschnitten und sie fachmännisch in ihre verwertbaren Einzelteile zerlegt. Harry war also Blut an sich und blutiges Fleisch im Besonderen gewöhnt. Aber das hier? Das hier war etwas vollkommen anderes! Vor Harry kauerte nämlich Kevin nach vorne gebeugt auf einem Stuhl und wartete darauf, dass sein Freund ihm den Kopf aufschnitt!

„Ich schaff das nicht!“, stöhnte Harry. „Ich bin Metzgerlehrling und kein Chirurg, verdammt noch mal! Ich arbeite nicht am lebenden Objekt, und wenn, dann ist es hinterher nicht mehr lebendig!“

„Nun mach dir mal nicht in die Hose!“, versuchte Kevin ihn zu beruhigen.

Natürlich wusste Harry wie unheimlich wichtig die Sache für Kevin war, aber er fand es schlichtweg scheiße, dass er dafür ihn missbrauchte! Hätte er da nicht auch zu einem Arzt seines Vertrauens gehen können?

Harry beantwortete sich die Frage gleich selbst: Nein! Kein Dok auf der ganzen Welt würde das für Kevin tun! Es war ein Experiment. Kein halbwegs zurechnungsfähiger Arzt würde an dem Achtzehnjährigen herumschnippeln und ihm seinen Wunsch erfüllen. Nein, das machte keiner! Darum musste Harry ran, weil er eben Kevins allerbester Freund war und wenigstens etwas vom Schlachten verstand!

Kevin und Harry kannten sich schon von klein auf. Sie wohnten in der gleichen Straße und waren schon als Kinder unzertrennlich gewesen. Erst in der Schule hatten sich ihre Wege gespalten. Genauer gesagt nach der vierten Klasse, als Kevin ins Gymnasium wechselte und Harry auf der Hauptschule blieb bis zur Neunten.

Inzwischen stand Harry mit seinen siebzehn Jahren mitten in der Berufsausbildung und Kevin kurz vor dem Abitur. Und genau das war sein Problem! Kevin hatte furchtbare Prüfungsangst. Genau genommen hat er vor allem Möglichen und unmöglichen Angst. In dieser Hinsicht war er ein sehr seltsamer Zeitgenosse, verkroch sich meist in seinem Zimmer, hockte vor dem Computer, spielte wilde Games und schrieb Computerprogramme. Für alles andere war er schlichtweg zu faul und zu ängstlich, und genau darum hatte er die fixe Idee mit dem Chip.

Es war Freitagnachmittag, Harald Meierhofer hatte um drei Feierabend und war danach sofort zu seinem Kumpel gegangen.

Pummelchen Kev – er wog stolze fünfundneunzig Kilo und war einen guten Kopf kleiner als Harald - saß diesem mit dem Rücken zugewandt verkehrtherum auf dem Stuhl. Den Oberkörper leicht nach vorn über die Stuhllehne gebeugt, die Arme über selbiger verschränkt. Sein Blick war starr auf den großen Spiegel schräg rechts von ihm gerichtet, worin er jede Bewegung seines Freundes verfolgen konnte. Die beiden befanden sich im großzügig ausgestatteten Badezimmer von Kevins Eltern, welche idealerweise nicht zuhause weilten. Papa Nürnberger saß bei Gericht. Er war als Staatsanwalt sehr engagiert dabei, wenn es darum ging, Verbrecher möglichst langfristig aus dem Umfeld der gesetzestreuen Gesellschaft zu entfernen. Mama Nürnberger weilte auf einer unaufschiebbaren Charityveranstaltung, bei der sie für die „Hasenpfote“ Geld einzutreiben versuchte. Der Verein, der einzig und allein zum Ziel hatte, wilden Kaninchen, die sich zu nahe an menschliche Siedlungen heranwagten, wieder in die Wildnis zurückzuverhelfen, füllte einen Großteil ihres Lebens aus und deshalb war sie mehr für ihn unterwegs, als sie sich daheim um die Familie kümmerte.

Dies alles allerdings stellte sich als äußerst ideal heraus, denn wenn einer der beiden jetzt unerwartet ins Badezimmer käme, dann wäre aber etwas los!

Käme Mama Nürnberger plötzlich herein, dann würde sie bestimmt haste-nicht-geseh´n in Ohnmacht fallen! Wäre es der Papa, dann fände Harry sich stante pede im Knast wieder!

„Nun mach schon endlich!“, zeigte Kevin sich ungeduldig.

Harry dagegen war noch etwas unschlüssig, sprühte vorsichtshalber noch ein wenig Desinfektionsmittel auf den Nacken seines Freundes, wo er zuvor einen Bereich von der Größe einer Streichholzschachtel frei rasiert hatte. Natürlich hatte er aber nicht sämtliche Haare weggeschnitten. Kevin trug eine lange, blonde Mähne, auf die so manches Mädel mit Recht neidisch war. Harry hatte die langen Zotteln mit Haarklammern von Kevins Mom hochgesteckt, so dass sie bei dem Eingriff nicht störten und den Ort der Verstümmelung nach der Operation wieder gut verdecken konnten. Nur den Flaum auf der Haut hatte er wegrasiert. So wurde das in dem Lehrvideo, das Kevin Harry auf seinem Laptop vorgeführt hatte, auch gezeigt.

„Also gut! Du hast es nicht anders gewollt!“, gab Harry sich geschlagen, atmete einmal tief ein und rammte dem Freund  das Skalpell in die Haut. Es ging durch wie eine heiße Gabel durch ein Päckchen Butter.

Im selben Moment fing Kevin an zu schreien als hätte man ihn abgestochen. Harry erschrak sich beinahe zu Tode, das Skalpell flog in hohem Bogen durch das Bad und landete genau in der Seifenschale, wo es zitternd in der Seife stecken blieb. Besser hätte das ein gelernter Messerwerfer auch nicht hinbekommen, dachte er.

„Verdammte Scheiße, warum tut das so weh?“, warf Kevin weinerlich nach hinten. „Die Spritze hab ich doch auch nicht gespürt!“

„Die Spritze?“, schoss es Harry durch den Kopf. Noch vergangenen Abend hatte er in der Metzgerei heimlich an einem Schweinskopf geübt. Hatte ihm im Nacken die Borsten abrasiert, die tote Schweinehaut mit einem Sprühfläschchen gründlich desinfiziert, haargenau so, wie er es in dem Video gesehen hatte, obwohl das Desinfizieren bei der Sau gar nicht notwendig gewesen wäre. Schließlich setzte er einen kunstvollen Schnitt an, bildete eine kleine Tasche unter der Haut und schob einen Knopf hinein, den er zuvor von der Arbeitsjacke des Meisters abgerissen hatte. Bei Kev kam natürlich kein Knopf hinein, der hatte dafür etwas völlig anderes besorgt, aber bei der Sau war es ja egal gewesen.

 

Druckausgabe DIN-A-5 Hochformat, 308 Seiten

ISBN 978-3-946215-19-6

12,95€

 

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